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SPÖ vor Ort

Neuer Schwung in der Schule


03. März 2010

Wolfgang Grünzweig hat Unterrichtsministerin Claudia Schmied beim Neujahrsempfang von SPÖ Innsbruck und FSG getroffen und mit ihr über die Neue Mittelschule gesprochen.

Grünzweig: Es wird schon seit Monaten, eigentlich Jahren, über die Neue Mittelschule gesprochen. Die wenigsten wissen aber genau, was sich hinter diesem Begriff versteckt. Was ist die NMS konkret?

Schmied: Die Neue Mittelschule ist eine gemeinsame Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen, in der alle Kinder entsprechend ihren individuellen Begabungen gefördert und in ihren Leistungen herausgefordert werden. Und das mit dem Ziel, dass die so wichtige Berufs- und Bildungswegentscheidung gut gelingt.

 

Grünzweig: Was sind die Vorteile der Neuen Mittelschule gegenüber den bisherigen Modellen Hauptschule und AHS-Unterstufe?

Schmied: Es gibt keinen Numerus Clausus in Form der Volksschulnoten. Die Kinder werden nicht im viel zu frühen Alter von neun Jahren in unterschiedliche Schullaufbahnen gedrängt. Sie können auch nach der Volksschule zusammen bleiben und weiterhin von- und miteinander lernen. Damit gelingt auch der Übergang von der Volksschule zur Sekundarstufe I besser. Weiters wird in der Neuen Mittelschule eine neue Lernkultur gelebt, in der das Kind mit seinen persönlichen Neigungen im Zentrum des Lernens steht.

 

Grünzweig: Warum sollten Eltern ihre Kinder bei einer Neuen Mittelschule anmelden?

Schmied: Weil das gute Schulen sind. Durch die Individualisierung des Lernens wird das Kind mit seinem individuellen Können, seinen Begabungen und auch seinem Lerntempo im Mittelpunkt stehen.

 

Grünzweig: Was bringt es dem Lehrpersonal, wenn seine Schule eine NMS ist?

Schmied: Der Aufbruch zu neuen pädagogischen Ufern motiviert. Für die Lehrerinnen und Lehrer ergibt sich eine neue Lehr- und Arbeitskultur. AHS/BHS-Lehrerinnen und -Lehrer und HS-Lehrpersonen arbeiten verstärkt in Teams und profitieren damit verstärkt vom Wissen und der Erfahrung anderer. Die Vernetzung und der überregionale Austausch sind möglich.

 

Grünzweig: In Tirol wurden nur 33 Standorte genehmigt- in Vorarlberg alle. Warum?

Schmied: In Vorarlberg konnten alle im Dezember 2008 eingereichten Standorte genehmigt werden, weil im Mai 2009 eine Gesetzesänderung bezüglich des Zehn-Prozent-Limits aller Pflichtschulklassen, die am Modellversuch teilnehmen können, mit dem Regierungspartner möglich war. Bedauerlicherweise hat es für die Ausweitung der bundesweiten Zehn-Prozent-Grenze noch keine Zustimmung der Bundes-ÖVP gegeben. Daher konnten - auch in Tirol - nicht alle eingereichten Standorte genehmigt werden.

 

Grünzweig: Warum können einige Schulen teilnehmen und andere nicht? Was waren die ausschlaggebenden Kriterien?

Schmied: Die Approbationskommission im Ministerium hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht und auch den Rat der NMS-KoordinatorInnen aus den Bundesländern eingeholt. Kriterien waren die Übereinstimmung mit dem genehmigten Rahmenmodellplan, die pädagogische Qualität der Standortkonzepte, Voraussetzungen am Standort, die Ziele auch umzusetzen (Entwicklungserfahrung, Motivation) sowie regionale Rahmenbedingungen (Bedarf, Elterninteresse, Rücksicht auf regionales Schulangebot, Schulsprengelaspekte) und die Kooperation mit dem BIFIE (Evaluation) und der NMS-Entwicklungsbegleitung.

 

Grünzweig: Gibt es noch eine realistische Chance für die im Jänner abgelehnten Standorte, doch noch die Neue Mittelschule anbieten zu können?

Schmied: Diese Möglichkeit besteht nur dann, wenn es zu einer gesetzlichen Änderung kommt. Denn die Eltern und Lehrerinnen und Lehrer brauchen eine gesetzliche Bestandsgarantie und Rechtssicherheit und Finanzierungsgarantie. Die Bundes-ÖVP ist am Zug.

 

Grünzweig: Bleiben diese Neuen Mittelschulen auf „ewig" NMS oder läuft dieser Versuch irgendwann aus?

Schmied: Die Neue Mittelschule ist der Zwischenschritt zur gemeinsamen Schule. Die Evaluation der Neuen Mittelschule durch das BIFIE wird im Schuljahr 2012/13 präsentiert. Sie wird die Basis für eine politische Entscheidung über die Einführung der gemeinsamen Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen sein. Diese Entscheidung ist von der nächsten Bundesregierung zu treffen.

 

Grünzweig: Was passiert nach Ende des Versuchs? Wechseln alle NMS wieder zurück ins alte HS-System?

Schmied: Internationale Studien haben eindeutig gezeigt, dass keine Schule, die sich dieser organisatorischen und pädagogischen Reform gestellt hat, wieder zu ihrer Ausgangslage vor vier Jahren zurückkehrt. Diese Frage wird letztlich auch von den Eltern beantwortet werden. Die Eltern treffen die Schulwahl für ihre Kinder. Guten und innovativen Schulen, wo man sein Kind gut betreut und gefördert weiß, wird immer der Vorzug gegeben.

 

Grünzweig: Ist die Neue Mittelschule das Ende der Bildungsreform oder erst eine Anfangsstufe auf einer längeren Treppe hin zur gemeinsamen Ganztagsschule?

Schmied: Sie ist der Weg zur gemeinsamen Schule und Katalysator für verschiedene dringend erforderliche Reformen. So wird etwa im Zusammenspiel der AHS/BHS- und Hauptschul-LehrerInnen die Notwendigkeit eines neuen Dienstrechts klar ersichtlich. Auch die von den Eltern massiv geforderte Ausweitung der qualitätsvollen ganztägigen schulischen Betreuung zeigt sich in der Neuen Mittelschule.

 

Grünzweig: Soll mittel- oder zumindest langfristig das differenzierte Schulsystem (HS-AHS Unterstufe) abgeschafft werden?


Schmied: Ja. In jeder Studie, die in den letzten 10 Jahren und darüber hinaus bildungsrelevante Aspekte untersucht hat, wird diese Vorgangsweise dringend empfohlen; alle europäischen Länder mit der Ausnahme von Österreich, Deutschland und der Schweiz haben in den letzten Jahrzehnten ihr Schulsystem erfolgreich umgestellt.

 

Grünzweig: Wie wird das Lehrpersonal in den NMS auf die neue pädagogische Herausforderung vorbereitet und gibt es eine laufende Begleitung?


Schmied: Schon bevor die Standorte mit der Umsetzungen begonnen haben, gab es Unterstützung seitens der Pädagogischen Hochschulen in den Bereichen Unterrichtsentwicklung und Schulentwicklung. Seit 2008 gibt es mit der Entwicklungsbegleitung auch ein Unterstützungsprogramm seitens des Bildungsministeriums, das den Schulen bei der Umsetzung der neuen Lernkultur - insbesondere bei der Arbeit in heterogenen Klassen - zur Seite steht.

 

Grünzweig: Könnte es sein, dass wir bald eine gemeinsame Ausbildung aller Lehrer haben?

Schmied: Ja. Die vom damaligen Wissenschaftsminister Hahn und mir eingesetzte Kommission hat ihren Bericht im Dezember des Vorjahres vorgelegt. Wir treten nun in Detailgespräche mit den verschiedenen Akteurinnen und Akteuren ein, an der Umsetzung wird intensiv gearbeitet.

 

Danke für das Gespräch!

 

Foto: Fischer

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